Zu Besuch bei Mona Lisa. Ein Kunsthistoriker eilt durch den Louvre.

Getarnt vom satten Grün eines Baumes, in dessen Schatten ich unweit des Musée du Louvre verweile, macht ein Vogel auf sich aufmerksam. Nicht etwa durch lieblichen Gesang, sondern durch einen feuchten Schiss, der mit schmatzendem Geräusch Zentimeter neben meinem Bein aufschlägt. 

Ich hatte einmal gelesen, Vögel würden in der Kunst symbolisch als Wanderer zwischen den Welten betrachtet werden und beschließe, diesen Moment als treffende Pointe meines ersten Paris-Aufenthalts zu sehen. Denn bis hierhin war es genau das. Ein Umherstreifen zwischen Postkartenmotiven wie Montmartre sowie dem etwas rauen, quirligen Einwandererviertel Belleville, wo ich mich eingemietet habe. Zwischen französischem joie de vivre und einem schmerzenden Backenzahn, der zur Visite im Universitätsklinikum nötigte.

Nun stehe ich kurz davor, weitere Welten zu durchschreiten, denn im Louvre lassen sich bedeutsame Objekte aus zahlreichen Winkeln und Epochen der Erde bestaunen. Noch immer gilt die ehemalige Residenz französischer Könige als größtes und meistbesuchtes Museum der Welt. Das birgt gewisse Herausforderungen, denn es ist schlicht unmöglich, in wenigen Stunden allen Werken in diesem imposanten Bauwerk gebührende Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Zu groß ist das Gebäude und zu zahlreich seine Ausstellungsstücke, die sich auf einer Gesamtfläche von rund 72.000 Quadratmetern verteilen. 

Die meisten Besucher scheinen allerdings ohnehin nur ein Ziel zu haben. Raum 711 im ersten Stock des sogenannten Denon-Flügels. Dort verbirgt sich das wohl berühmteste Lächeln der Welt. Auch ich bin gekommen, um ihr zu huldigen. Als pflichtbewusster, ehemaliger Student der Kunstgeschichte sehe ich mich veranlasst, Mona Lisa wenigstens einmal leibhaftig gegenüber zu treten.

Es ist kein leichtes Unterfangen, denn an diesem Tag ist nur das Zeitfenster um 16 Uhr noch buchbar gewesen. Mir bleiben zwei Stunden, ehe das Museum seine Pforten schliesst, und vor dem Haupteingang winden sich Besucherschlangen von besorgniserregender Länge.

Glücklicherweise geht es zügiger voran als gedacht und ich finde mich alsbald im Foyer des Museums wieder. Mehrere Abzweigungen laden zum Erkunden der unterschiedlichen Ausstellungsbereiche ein und mich ereilt sogleich jener Anflug von Überforderung, der mir von vergangenen Besuchen berühmter Kunsttempel nicht unbekannt ist.

Das macht aber nichts, denn auf Reisen habe ich gelernt, dass überall dort, wo sich Menschen dicht gedrängt um etwas versammeln, eifrig fotografiert wird und Asiaten überproportional vertreten sind, etwas scheinbar Wichtiges zu sehen ist. Angesichts des knappen Zeitfensters beschließe ich, diese mehrfach erprobte Strategie auch hier anzuwenden.

Über mir thront die von Star-Architekt Ieoh Ming Pei entworfene Glaspyramide und taucht den Innenraum des Foyers großzügig in Sonnenlicht. Wie so oft, wenn altehrwürdiges mit modernen Akzenten aufgepeppt werden soll, hagelte es Kritik am Bau dieser Struktur und die Meinungen driften bis heute auseinander. Instagram-Models werfen sich vor ihr in Pose und Kritiker dürften mit Genugtuung zur Kenntnis genommen haben, dass die Pyramide zumindest im Finale des Tom Cruise-Krawall Edge of Tomorrow in Schutt und Asche gelegt wurde.

Wie erwartet steuert die Masse der Museumsgäste zielstrebig den Eingang des Denon-Flügels an. Ich tue es ihnen gleich und haste zunächst durch die Abteilung griechischer Skulpturen, wo ich einen kleinen Vorgeschmack auf das bekomme, was ich wenig später erleben würde. 

Die Venus von Milo, eine rund zwei Meter hohe Statue, die im zweiten Jahrhundert vor Christus gemeißelt wurde, ist das wohl prominenteste Objekt in dieser Sektion. Und weil dem so ist, wird sie von einer Traube von Menschen belagert, die darüber sinnieren mögen, was die schöne Unbekannte so besonders machen mag. Auf einem erhöhten Podest den Raum überblickend ähnelt sie einem Hollywoodstar, der begleitet vom Blitzlichtgewitter und dem Jubel der Fans auf dem roten Teppich posiert. 

Die anderen Skulpturen der Sammlung sind handwerklich nicht minder beeindruckend, obschon die Zeit auch ihnen das ein oder andere (empfindliche) Körperteil entrissen hat. Im unübersichtlichen Dickicht der Ausstellungsstücke, das in solchen Großmuseen seinen sinnebetäubenden Höhepunkt findet, scheint der geneigte Museumsbesucher der Übersicht halber besonders jene Objekte anzusteuern, die ihm bekannt sind, weil sie als besonders bedeutsam angepriesen werden. 

Die Zeit drängt und so bahne ich mir den Weg hinauf in den ersten Stock, wo eine unüberschaubare Anzahl von Gemälden die Sinne überwältigt. Dazwischen rollt eine Menschenwelle den langen Korridor entlang. Es ähnelt stellenweise einer Fahrt über Stromschnellen, die einen mal hierhin, mal dorthin spülen, letztlich aber immer weiter vorwärts treiben. Angenehm ist das nicht und ich bin zunehmend genervt, wenngleich ich selbst Teil des Problems bin. Mit genüsslicher Kunstbetrachtung hat das jedenfalls nicht mehr viel zu tun – zumindest nicht an diesem Tag und in diesem Bereich des Museums. 

Ich strebe weiter voran und erreiche schließlich die Schwelle zu Raum 711. Drinnen herrscht Ausnahmezustand. Der geräumige Saal ist weitestgehend mit Menschen ausgefüllt. In heller Aufregung schnattert ein Gewirr aus Fremdsprachen durcheinander, denn am anderen Ende des Raumes ist sie jetzt erkennbar. La Joconde, wie sie die Franzosen nennen. Die Mona Lisa. Ihr Konterfei ziert Ansichtskarten, Briefmarken und Souvenirs. Es inspirierte bildende Künstler, Musiker und Filmemacher. Menschen rätseln über ihr Lächeln und Wissenschaftler debattieren, wer da Vinci hier Modell gestanden haben könnte. Ob das Fragen sind, die die Welt ernsthaft voran bringen, sei dahingestellt. Fakt ist, das Gemälde versteht die Gemüter zu bewegen.

Einladend blickt sie jetzt zu mir hinüber und lässt mich scheinbar nicht aus den Augen, als ich versuche, mir den Weg zu ihr herüber zu bahnen. Theorien warum dem so ist, gibt es viele. Manche erklären es mit malerischen Kniffen, andere mutmaßen, es sei eine Einbildung des Betrachters, während wieder andere festgestellt haben wollen, dass die Dame einen eigentlich gar nicht anschauen würde. Wie dem auch sei, ich fühle mich von ihr willkommen geheißen.

Während die Wände an den Seiten mit allerlei Prachtgemälden behangen sind, von denen kaum jemand wirklich Notiz zu nehmen scheint, hängt Mona Lisa allein hinter Panzerglas an der riesigen Rückwand des Ausstellungssaals, flankiert von schwarz gekleideten „Bodyguards“, vor denen sich eine Menschenwand aufbaut. 

Gemessen an der Hysterie um dieses Werk, wirken diese Vorsichtsmaßnahmen nicht abwegig. Schon einmal war es einem Dieb gelungen, des Bildes habhaft zu werden. Das war 1911. Die Mona Lisa hing da noch umringt von anderen Gemälden und genoss nicht jenen exklusiven Einzelplatz, den sie heute einnimmt – ähnlich wie die Venus von Milo ein Stockwerk tiefer. 

Ihr Verschwinden löste seinerzeit einen beträchtlichen Rummel aus und so wie ich nun mit Dutzenden von Menschen vor dem Bild stehe, standen die Menschen einst in Scharen vor der Stelle, wo es NICHT mehr hing.

Mona Lisas isolierte Präsentation lässt sie wie eine Art Altar wirken, vor dem sich die Massen versammeln, um einer Schutzheiligen zu würdigen. Die Marketingstrategen des Louvre scheinen jedenfalls zu wissen, wie sie das bedeutendste Werk des Hauses so publikumswirksam wie möglich in Szene setzen können.

Der Dame nahe zu kommen erfordert Geduld. Ein schwarzes Absperrband windet sich durch den Raum und führt den Publikumsstrom bis auf wenige Meter an das Bild heran. Dann ist Schluss. Körper drängeln sich vorne dicht an dicht, Köpfe werden gestreckt und Smartphones gezückt. Andächtiges verweilen ist kaum möglich, denn von hinten drückt die Meute unaufhaltsam. Ich nutze die Gelegenheit für ein paar hastige Schnappschüsse, ehe ich zügig zum Ausgang des Absperrbereichs gespült werde und aus einer ruhigeren Ecke des Raumes ein wenig das Treiben beobachte, dass interessante Fragen aufwirft.

Betrachten wir überhaupt das originale Bild, oder wird lediglich eine Kopie präsentiert? Streng genommen wissen wir es nicht. Eine Überprüfung ist bei den herrschenden Sicherheitsvorkehrungen kaum möglich. Kopien der Mona Lisa gibt es durchaus. Bei Auktionen erzielen sie teils kleine Millionenbeträge, wie zuletzt 2021, als eine Replik aus dem 17. Jahrhundert für 2,9 Millionen Dollar unter den Hammer kam.

Den Menschen scheint es egal zu sein. Die Vorstellung, es handele sich um das Original des berühmtesten Gemäldes der (westlichen) Welt genügt, um sie in Scharen hierher pilgern zu lassen. Das ist bei mir nicht anders. Nebenan lassen sich weitere Werke da Vincis bestaunen. Wenngleich nicht minder wertvoll, erhalten sie keine Sonderbewachung und der Betrachter kann ihnen ungehindert zu Leibe rücken.

Wäre der Andrang ähnlich, wenn Mona Lisa nicht diesen Kultstatus hätte? Wahrscheinlich nicht. 

Der Publizist Roger Willemsen nannte es mal eine „Qualität des Blicks“, mit der wir uns in der Welt bewegen. Auf Reisen ist er nicht selten auf Sehenswürdigkeiten gerichtet. Das mag im Museum ähnlich sein. Dort werden Werke eines Künstlers, einer Stilrichtung oder Epoche präsentiert, wobei sich auf eine begrenzte Auswahl beschränkt wird bzw. beschränkt werden muss. In der Welt wie auch in solchen Kulturpalästen wandeln wir dadurch ein stückweit durch kuratierte Räume, die unsere Aufmerksamkeit auf Dinge lenken, die von anderen aus diversen Gründen (Reiseführer, Experten, öffentliche Meinung etc.) für bedeutsam erklärt werden. Es gleicht einem unsichtbaren Schleier über der Wahrnehmung, der die unendliche Vielfalt der Welt auf bestimmte Fixpunkte zu verdichten versucht und sie mit Bedeutung auflädt. Der Wunsch, diese Welt mit „eigenen Augen“ zu sehen, wird zu einem möglichen Antrieb des Reiseverlangens und der Forscher in uns fragt vielleicht: Ist da noch mehr?

Auf dem Weg zurück zum Ausgang lasse ich das soeben erlebte weiter sacken. Meinen Besuch im Louvre erlebe ich ein wenig als Spiegelbild der heutigen Zeit. Einer Zeit, in der mehr Wissen denn je verfügbar ist, weitere Distanzen in schnellerem Tempo überwunden werden können und durch Mikroskope kleinste Partikel bzw. durch Teleskope entfernteste Galaxien unsere Netzhaut berühren können. Wir sehen immer mehr und in gewisser Weise immer weniger, weil das Leben sich in Details auflöst und ein Eindruck den nächsten erschlägt. Das ist hier nicht anders. Die Menge an (visuellen) Informationen, die mir begegnet sind, erzeugen eine Reizüberflutung und kaum ein Werk kann in Ruhe die vom Künstler intendierte Wirkung entfalten, weil wenige Schritte daneben bereits das nächste Objekt um meine Aufmerksamkeit buhlt. Es gleicht dem Zappen durch das Meer an Fernsehkanälen, die alle zur selben Sendezeit (mehr oder weniger) reizvolle Angebote unterbreiten. 

Draußen passiere ich abermals die Bank unweit des Tulpengartens, auf der ich zuvor verweilt hatte. Genau auf der Stelle, wo der Vogel zuvor mit sattem Schiss aus der Baumkrone gegrüßt hatte, erhebt sich nun der massige Körper eines älteren Herrn. Auch ihm scheint für einen Moment vor lauter Sinneseindrücken der Blick für das Wesentliche abhanden gekommen zu sein.

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