Weihnachten im Kloster

Den Heiligen Abend des 24. Dezember hatte ich bislang stets wie folgt ausklingen lassen: Während die Verwandtschaft zur Mitternachtsmesse entschwand, verfolgte ich vor dem Fernsehaltar andächtig, wie sich Bruce Willis in Stirb Langsam mit kompromissloser Lässigkeit durch einen Wolkenkratzer im weihnachtlichen Los Angeles ballerte. Zumeist ging dies mit einem amüsanten Stimmungskontrast einher, wenn der von Heiligkeit beseelte Familientross bei seiner Heimkehr auf das bleihaltige Finale des Films prallte und sogleich entsetzt das Weite suchte.

Dieses Jahr würde (fast) alles anders werden. Zu meiner Verzückung hat die Verwandtschaft in der Idylle des ländlichen Mallorca eine neue Heimat gefunden. In Folge dessen genieße ich das Privileg, der Tristesse des norddeutschen Winters, den eine besonders schwerwiegende Form der Entsetzlichkeit auszeichnet, für einige Zeit den Rücken kehren zu können.

Die Balearen grüßen bei meiner Ankunft mit milden Temperaturen und gleißendem Sonnenschein. Binnen weniger Stunden hat das mediterrane Lebensgefühl Körper, Geist und Seele revitalisiert und ich vergesse beinahe, wofür ich eigentlich hier bin.
Für jemand, der wochenlang im Sumpf des deutschen Winters feststeckte und es gewohnt ist, Weihnachten in behaglicher Atmosphäre, umgeben von Kleidungsschichten und anderen Heizgegenständen zu verbringen, mutet es surreal an. Daran vermögen auch die prächtige Beleuchtung in den Straßen von Palma de Mallorca und die überall anzutreffende Weihnachtsfolklore nichts ändern. Das vertraute Gefühl dieser Jahreszeit verspüre ich wenig. Vielmehr wirkt es, als hätten die Götter die Zeit vorgespult, weil sie der kalten Jahreszeit selbst überdrüssig geworden sind.

Für dieses Weihnachtsfest hat der Familienrat beschlossen, zumindest am Heiligen Abend mit dem ewig gleichen Zeremoniell aus Bescherung und ausgiebiger Kalorienzufuhr zu brechen. Stattdessen soll es eine Exkursion in die klösterliche Stille des Sanctuari de Lluc geben. Einem Wallfahrtsort in den Bergen der Serra de Tramuntana.

Die Unternehmung ist sicherlich nicht frei von Hintergedanken. Zum einen kann die Störung der Festlichkeit durch vulgären Hollywood-Kommerz erfolgreich abgewendet werden. Zum anderen bietet das Kloster Lluc an Heiligabend eine Weihnachtsmesse im XXL-Format, die den berühmten „Cant de la Sibila“, den „Sybillengesang“ einschließt. Ein mittelalterlicher Gesang in katalanischer Sprache, der in dieser Form nur noch auf Mallorca und Sardinien existiert und 2010 von der UNESCO in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen worden ist.

Zunächst gilt es jedoch die Busfahrt hinauf in die Berge erfolgreich zu meistern. Angesichts des äußerst kurvenreichen Streckenverlaufs, in Kombination mit dem beherzten Fahrstil vieler einheimischer Busfahrer, sehe ich diesem Unterfangen mit Skepsis entgehen. In meiner Vorstellung schaukelt der Mageninhalt bereits während des ersten, weitgehend flachen Teilstücks von Inca nach Caimari bedrohlich von rechts nach links, ehe er auf der anschließenden, steilen Serpentinenstraße ganz allmählich die Speiseröhre empor zu streben beginnt.

Glücklicherweise soll man nicht alles glauben, was man denkt.

Die Fahrt verläuft in heiterer Gelassenheit und geradezu rücksichtsvoll bedächtigem Tempo. Immer wieder lässt der Streckenverlauf die Aufmerksamkeit schweifen. Enthüllt Panoramen der Insel, lässt in Schluchten blicken – und ins Antlitz etlicher Radfahrer, die mit klagendem Gesichtsausdruck ihre Körper schinden.

Nach rund 45 Minuten ist das Ziel erreicht. Das Sanctuari de Lluc. Beworben als Oase der Stille inmitten der Serra de Tramuntana. Ein Ort, an dem Gläubige einkehren und Nichtgläubige die Wurzeln des mallorquinischen Volkes entdecken können.

Ich entdecke als erstes, dass man es mit der klösterlichen Stille zumindest an Heiligabend nicht ganz so genau nehmen sollte. Zahlreiche Besucher haben ihren Weg hierher gefunden und frohlocken im strahlenden Sonnenschein. Die 120 Unterkünfte des Hauses sind nahezu ausgebucht.

Seit Jahren ist dieser Ort Treffpunkt und Ruheplatz für Radfahrer und Wanderer, die von hier aus vielfältige Ausflüge in die erhabenen Bergwelten unternehmen können. Am Weihnachtsabend stoßen etliche weitere Gäste hinzu, um der beliebten Messe beizuwohnen.
Entsprechend ist die Infrastruktur ausgerichtet. Statt kärglichen Mahlzeiten, wie man es in einem Sanktuarium vermuten könnte, werden Lammkeulen, Seefisch und andere mediterrane Köstlichkeiten serviert. Es gibt ein Museum, zwei kleine Geschäfte und der botanische Garten lädt zum Lustwandeln ein. Selbst ein Schwimmbad entdecke ich auf einem Rundgang. Wellness für Geist UND Körper.

Religiöses Zentrum der Klosteranlage ist eine im Renaissancestil errichtete Basilika, die 1691 fertiggestellt wurde und bei deren Dekorationsgestaltung auch der berühmte katalanische Architekt Antoni Gaudí seine Finger im Spiel gehabt hat.


Abends finden wir in ihren Gemäuern zusammen, um der Christmette nebst Sybillengesang beizuwohnen. Bereits rund eine Stunde vor Beginn herrscht im Innenraum Ausnahmezustand, denn die Spanier mögen ihre zahlreichen Fiestas. Davon hatte ich mich bereits einige Jahre zuvor bei einem nicht enden wollenden Osterumzug durch die Straßen von Valencia überzeugen können, der Jung und Alt in Scharen vor die Haustür trieb.

Hier scheint es nicht anders zuzugehen. Lediglich im hintersten Winkel der Basilika lassen sich noch Restplätze ergattern. Doch die Freude währt kurz. Binnen Minuten ist das Sichtfeld verstellt vom endlosen Besucherstrom, der sich in Ermangelung weiterer Sitzgelegenheiten stehend vor uns aufbaut.

Nach dem Einzug der Geistlichen in die festlich geschmückte Kapelle ist der Messebeginn vom Wechselspiel aus orgelbegleitetem Chorgesang und Lesungen aus der Heiligen Schrift geprägt, deren Botschaften vom Publikum stellenweise mit bestätigendem Gemurmel quittiert werden. Dann betritt eine als „Sybille“ verkleidete junge Frau in mittelalterlichem Gewand den Altarbereich und bringt sich vor dem Chor in Position. In ihren Händen ein Schwert, welches sie aufrecht vor sich hält. Mit hoher Stimme und teils frei von musikalischer Untermalung, kleidet sie den Raum in mystisch anmutende Melodien, die in dieser mir bis dato fremden Form fast ein wenig unheilvoll durch die Kirchengemäuer hallen.

Das kommt nicht von ungefähr, künden die Texte doch von apokalyptischen Visionen und dem Ende des menschlichen Daseins. Damit es nicht ganz hoffnungslos wird, besingen sie allerdings auch die Ankunft Christi und seinen Triumph über das Böse. Sie gehen zurück auf mythische Seherinnen der Antike, Sybillen genannt, die in der christlichen Tradition als Verkünderinnen des Jüngsten Gerichts gelten und sogar in Michelangelos Bildprogramm der Sixtinischen Kapelle in Florenz Einzug erhielten.

Obwohl der Sybillengesang im 16. Jahrhundert als Folge der Kirchenreformen des Konzils von Trient zwischenzeitlich verschwand, konnte er auf den Balearen und Sardinien bewahrt werden und ist heute fester Bestandteil der mallorquinischen Identität.

Im Anschluss an die Messe lockt das angrenzende Restaurant mit einem Weihnachtsmenü in drei Akten, ehe ich zur Nachtruhe in meine spartanisch eingerichtete Mönchszelle einkehre. Das renovierte Zimmer erinnert lediglich in der Schlichtheit seiner Aufmachung an die Zeiten, als hier regelmäßig Pilger stille Einkehr suchten. Durch Flachbildfernseher und freies Wifi sind sie an die Bedürfnisse der Freizeit-Mönche von heute angepasst, sollten diese im klösterlichen Ambiente Ablenkung von den eigenen Gedanken suchen.

Am folgenden Morgen entscheide ich, nicht erneut in den Bus zu steigen, um in mutmaßlich halbrechnerischem Tempo die schmalen Serpentinen hinab ins Tal zu jagen. Ich beschließe indes, in kontemplativer Einsamkeit den alten Pilgerpfad des Camí vell de Lluc zurück nach Caimari zu bewandern. Ein Marsch von rund zweieinhalb Stunden, vorbei an spektakulären Aussichtspunkten, hinab ins Tal. Im Rucksack die Eindrücke einer mallorquinischen Weihnachtstradition, die mit teils fremden, teils aber auch vertrauten Elementen im Gedächtnis bleibt.

Das gilt ebenso für den Rahmen, denn in Gänze brauchte ich selbst an dieser Weihnacht nicht mit gewohnten Abläufen zu brechen. Zum allgemeinen Entsetzen der Verwandschaft hatten die Kuratoren der Fernsehanstalten mein heißgeliebtes Bleigewitter mit Bruce Willis nämlich bereits einen Tag vor unsererem Aufbruch im Spätprogramm platziert.

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