Unterwegs nach Nirgendwo. Die Freuden des ziellosen Streunens.

Viele Jahre ist es her. Ein Hochsommer. Ich bin Anfang zwanzig, Student in Kiel, habe nur äußerst wenig von der Welt gesehen und fasse daher den radikalen Entschluss, einen Wochenendausflug nach Helgoland zu unternehmen. Deutschlands einzige Hochseeinsel mit den markanten roten Felsen. 

Vor ihren Ufern wurde 1401 der berüchtigte Seeräuber Klaus Störtebeker festgesetzt, 1807 war sie für ein knappes Jahrhundert britische Kolonie und im Zweiten Weltkrieg ließen die Alliierten Bomben auf sie niederregnen. 

In Kindheitstagen war diese Insel Ort zahlreicher unbeschwerter Sommerurlaube am Meer. Fernreisen in mediterrane Gefilde, wie sie Klassenkameraden mit ihren Familien in beeindruckender Regelmäßigkeit zu unternehmen pflegten, waren für das familiäre Budget nicht zu stemmen. Das Geld floss stattdessen unter anderem in die Mahlzeiten unseres folglich im Monatsturnus an Gewicht zunehmenden Katers.

An einem heiteren Augustvormittag setze ich mit einem altehrwürdigen Passagierdampfer, der Atlantis, von Cuxhaven aus gen Helgoland über. Im Einzugsgebiet der Elbmündung werden zunächst die Insel Neuwerk sowie die dahinter ruhenden, unbewohnten Landtupfer Nigehörn und Scharhörn in nächster Nähe passiert. 

Sind diese dem Festland vorgelagerten Inseln der Sicht entronnen, gähnt die offene Nordsee. Durchbrochen nur vom Schiffsverkehr und dem Wrack des 1961 auf einer Sandbank gestrandeten Frachters „Ondo“, dessen Überreste mahnend aus dem Wasser ragen. Daneben liegt die „Fides“ begraben. Ein italienisches Transportschiff, dessen Kapitän sein Gefährt nur 46 Tage nach dem Unglück der „Ondo“ an gleicher Stelle geradezu solidarisch ebenfalls in den Sand rammte.

Glücklicherweise manövriert die Atlantis souverän durch diese Tücken der See und geht nach zweistündiger Überfahrt und rund 38 Seemeilen in der Helgoländer Reede vor Anker. Mit kleinen, robusten Börtebooten werden die Passagiere von Bord abgeholt und an Land gebracht. Als Kind trieben mir diese kurzen Überfahrten in den offenen, je nach Wetterlage teils wild tänzelnden Gefährten regelmäßig den Angstschweiß auf die Stirn. 

Nun fühle ich mich Manns genug, diesem Vorgang in heiterer Gelassenheit beizuwohnen, hatten mir doch inzwischen selbst sturmgepeitschte Überfahrten auf einem holländischen Plattbodenschiff sowie einer Englandfähre nicht eine einzige Mahlzeit entlocken können. 

Für jemand in den beginnenden Zwanzigern ist das vornehmlich auf Familien und Senioren ausgelegte Erlebnisangebot Helgolands von überschaubarem Reiz. Die Aktivitäten reichen von Shopping, Restaurantbesuchen, Wellness, Tierbeobachtungen bis hin zu Minigolf. 

Meine Tage verbringe ich deshalb fernab der Urlauber und Tagesgäste mit der Jagd auf köstlichen Nordseefisch. Makrelen, Dorsche sowie die eigenwillig dreinschauenden Knurrhähne hieve ich in stattlicher Anzahl über die Mauer der Hafenmole. Kurz ringe ich gar mit einem Seehund, der es beim Einkurbeln auf einen meiner Fänge abgesehen hat, doch glücklicherweise lässt er rasch von seiner Beute ab und entschwindet ins Dunkel des Meeres.

Am letzten Abend beschließe ich, nicht den Verlockungen der Mattscheibe zu frönen, sondern diese Aktivität zugunsten eines Streifzugs über die Insel sausen zu lassen. Ich würde mich einfach ziellos dahintreiben lassen, meiner Neugier und spontanen Eingebungen folgen und so die letzten Stunden genießen, ehe mich die Atlantis am Folgetag zurück aufs Festland schaukelt.

Es ist einer dieser raren, fast mediterran anmutenden Sommerabende, wie sie in Norddeutschland viel zu selten sind. Selbst nach 21 Uhr sind die Temperaturen noch immer nicht in den arktischen Bereich geglitten. Ein leichter Pullover genügt, um noch Stunden unbeschwert durch die Nacht streifen zu können.

Meine Unterkunft befindet sich im sogenannten „Oberland“, jenem bewohnten Teil der Insel, der sich auf dem Rücken des roten Felsmassivs erstreckt. Aufs äußerste motiviert trete ich vor die Tür des Hotels, milde Seeluft in meinem Gesicht, bereit den Verlockungen der aufziehenden Nacht entgegenzutreten.

Gemäßigten Schrittes schlendere ich drauf los und kehre bereits nach wenigen Metern wieder um. Zu verlockend ist der Duft, der aus einem italienischen Restaurant nach draußen kriecht. 

Und so speise ich als erste Amtshandlung meiner abendlichen Entdeckungstour fürstlich, hieve meinen Cannelloni-geschwängerten Körper zurück auf die Promenade und schreite als dringend notwendige Verdauungsmaßnahme eine nicht unerhebliche Anzahl von Treppenstufen hinab ins „Unterland“.

Die schmalen Gassen, die lediglich von kleinen Elektroautos befahrenen werden dürfen, sind mit Juwelieren, Duty-Free-Shops, Restaurants, Geschäften für touristischen Nippes und noch mehr Duty-Free-Shops gesäumt. In hell beleuchteten Schaufenstern werden der Kundschaft allerhand teurer Klunker, Parfüms, Tabakwaren und beachtliche Mengen an hochprozentigem Alkohol mehrwertsteuer- und zollfrei feilgeboten. Napoleon sei Dank. Um seiner Wirtschaftsblockade zu entkommen, wurden besagte Engländer erfinderisch, eroberten 1807 Helgoland, enthoben es von der Steuer- und Zollpflicht und erhielten so wieder Zugang zum europäischen Handelsgeschehen. Ihren Status als Paradies für einkaufswütige Landratten hat sich die Insel bis heute bewahrt. 

Ich streife vorbei an Bars, in denen Seebären ihre Heldentaten teilen. Von irgendwo jammert ein Schifferklavier. Ich stelle mir Senioren vor, die dazu in behaglicher Atmosphäre aus biergeölter Kehle Seemannslieder in den Abendhimmel schunkeln.

Nach einer Weile treibe ich auf ein mondänes Hotel gehobeneren Preisniveaus zu, dass sich unweit der Landungsbrücken erhebt. Die modern anmutende Glasfassade dieses Neubaus, von etlichen Lichtern erleuchtet, wirkt höchst einladend. 

Geblendet von den zahlreichen Hollywoodfilmen, die ich zu diesem Zeitpunkt in rauen Mengen zu konsumieren pflegte, halte ich es in diesem Moment für einen Akt großer Männlichkeit, dort einzukehren. In schummrigem Licht würde ich an der Bar einen Whiskey genießen, irgendwann stirnrunzelnd mit meinem lässigsten Schlafzimmerblick zu der einsamen schönen Frau in Abendrobe am anderen Ende des Tresens hinüber blicken und sie anschließend zum Rendezvous bitten. So wie es meine Leinwandhelden von einst getan hätten. Steve McQueen bei Ali McGraw oder Robert Redford bei Faye Dunaway.

Drinnen wartet leider keine schöne Frau in Abendrobe, das Licht ist nicht wirklich schummrig, ich bin nicht Steve McQueen und überhaupt ist außer dem Barkeeper niemand dort. 

Und so bin ich es, der einsam am Tresen hockt, seine Eingeweide mit Whiskey wärmt und mit dem Barkeeper stirnrunzelnd (aber ohne Schlafzimmerblick) über die erlesensten Sorten philosophiert. Ein wenig weltmännisch komme ich mir dennoch vor.

Es ist dunkel, als ich die Hotelbar wieder verlasse. Noch immer herrschen laue Temperaturen. Angenehme Flaute erfüllt die Luft. Möwen kreisen, krächzen und kacken mit hochsommerlicher Leichtigkeit. Wellen schlagen sanft gegen die Pfeiler der Landungsbrücken und vereinzelt weht ein Lachen aus den umliegenden Kneipen herüber. 

Es zieht mich nun hinüber zum Pier, wo ich auf einer Bank nahe der Wasserkante zum Sitzen komme und ins Schwarz des Horizonts starre, dass hier und dort von winzigen Lichtern entfernt die Insel passierender Schiffe durchbrochen wird. Güter und Geschichten aus der ganzen Welt, von Hongkong bis Hamburg, Rotterdam bis New York, bewegen sich so vor meinen Augen schweigend durch die Nacht. Der Himmel ist sternenklar und ein sattes Vollmondlicht flimmert über die Wasseroberfläche.

Ich genieße die Ruhe, bis eine kleine Gruppe ebenfalls Flanierender unweit meiner Bank zum Stehen kommt und sich angeregt über den Mond austauscht. Selbst eine Mondfinsternis steht zur Debatte. Interessiert blicke ich nach oben, kann trotz eingehender Analyse allerdings keinerlei Indizien einer nahenden Verfinsterung ausmachen und wende mich stattdessen wieder dem Studium der sich am Horizont bewegenden Lichtpunkte zu. 

Nach einer Weile werden die Stimmen in meinem Rücken aufgeregter. Ich blicke abermals gen Himmel und stelle fest, dass jetzt tatsächlich ein Stück des Mondes verloren gegangen ist. 

Aufmerksam verfolge ich, wie sich nun beinahe im Minutentakt weitere Teile des Erdtrabanten ins Dunkel verkriechen. Auch die anderen blicken nun schweigend zum Firmament und so verweilen wir in andächtiger Stille, während wieder das sachte Plätschern der Wellen und vereinzeltes Möwenkrakele die Klangkulisse beherrschen.

Nachdem ich dem Himmelsschauspiel eine Zeit lang ergriffen beigewohnt habe, beschließe ich, den Heimweg anzutreten. Die Auswahl gebrannter Kostbarkeiten, die zur Stunde durch meinen Körper zirkuliert, lässt eine gewisse Müdigkeit aufsteigen. 

Zurück auf dem Rücken des roten Fels, unweit meiner Unterkunft, schlendere ich dennoch kurz entschlossen hinüber zur Promenade. Von dort ergibt sich ein vortrefflicher Ausblick über die Lichter des „Unterlands“ mit seinen vorgelagerten Hafenmolen, ehe der Blick von der Weite des Horizonts geschluckt wird. 

Und so lehne ich zum Abschluss meines abendlichen Rundgangs am Gemäuer, genieße die letzten Züge dieses Sommerabends und das inzwischen fast vollständige Verschwinden der Mondscheibe. Außer mir scheint niemand sonst zu dieser Stunde noch hier draußen unterwegs zu sein. 

Kurz darauf entsteigen allerdings drei Gäste wortlos einer nahe gelegenen Kneipe und kommen unweit von mir zum Stehen. Einer trägt eine Trompete bei sich, ein anderer hat ein Akkordeon geschultert. Gemeinsam entlassen sie eine kurze, melancholische Melodie in die Nacht, ehe sie ebenso plötzlich wie sie erschienen waren, zurück in ihrem Etablissement verschwinden. 

Von den umliegenden Balkonen, auf denen noch Menschen weilen, ist vereinzelt Applaus vernehmbar, ehe erneut die Stille übernimmt und ich beeindruckt von all den Erlebnissen endgültig in meine Bleibe entschwinde.

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