Der Berg ruft. Ein Norddeutscher in luftiger Höhe.

Das Balearen-Paradies Mallorca ist mir bislang vornehmlich für seine malerischen Buchten und Strände bekannt gewesen, die regelmäßig von siebenstelligen Touristenzahlen überrannt werden. Und natürlich für die berüchtigte Playa de Palma, Tummelplatz der internationalen Partyszene. Da ich für faules Herumliegen ungeeignet bin und auch keine Freude mehr empfinde, die Grenzen meiner Alkoholverträglichkeit auszuloten, habe ich mich bislang erfolgreich hinter einem beträchtlichen Schutzwall an Vorurteilen verschanzt, um bloß nicht auf die Idee zu kommen, diese Insel betreten zu müssen.

Doch es würde kein Entrinnen geben. 

Von allen sonnenverwöhnten Traumdestinationen des Mittelmeerraums musste ausgerechnet dieses Eiland von meiner Mutter als Ruhesitz auserkoren werden. 

Um des familiären Friedens willen sehe ich mich daher veranlasst, tatsächlich das erste Mal dorthin aufzubrechen. 

Entzückt nehme ich beim Landeanflug von dem Gebirgsmassiv der Serra de Tramuntana Notiz, welches nahezu die gesamte Nordwestflanke der Insel durchmisst und dessen 11 höchste Gipfel immerhin die 1000 Meter überschreiten. 

Ich beschließe noch an Ort und Stelle, diese Gegend als Refugium aufzusuchen, um vor dem krebsrot gebrannten Mob zu flüchten, den ich nach Sangria lechzend an jeder Ecke vermute. 

Glücklicherweise erweist sich Mallorca facettenreicher als erwartet, und ich sehe mich gezwungen, sukzessive viele stereotype Annahmen im Schatten knorriger Olivenbäume zu Grabe zu tragen. 

Die Berge suche ich trotzdem auf. Ihre Topografie spielte in meinem Leben bislang keine nennenswerte Rolle und wirkt deshalb umso verlockender. Zwar hatte ich im Zuge einer Klassenreise nach Italien bereits die Alpen überquert, allerdings lediglich auf dem Rücksitz eines alten VW-Bus. Dieser wurde von unserem Begleiter, den wir aus einer spätpubertären Laune heraus liebevoll „Häuptling Matschbirne“ getauft hatten, mit Vehemenz über die Pässe gequält.

Zum ersten Ziel meiner beginnenden alpinen Laufbahn erkläre ich einen rund 600 Meter hohen Gipfel unweit von Inca, der zweitgrößten Stadt Mallorcas. Für jemand, der beinahe sein gesamtes irdisches Dasein im sanft dahinwogenden, norddeutschen Flachland gefristet hat, stellt bereits dieses Objekt ein gewaltiges Hindernis dar. Bislang waren ein beachtenswerter Hügel im norwegischen Süden, sowie die Besteigung eines Baustellenkrans in den frühen Morgenstunden einer durchzechten Sommernacht die höchsten Punkte, die ich je per Pedes erklommen hatte. 

Den Informationen einer Wander-App entnehme ich, dass das auserkorene Ziel bereits von Wagemutigen auch ohne Unterstützung hochgebirgskundiger Sherpas erfolgreich bezwungen wurde. Es scheint ein realistisches Ziel für den ersten Gipfelsturm.

 Also fasse ich mir ein Herz; schließlich habe ich etwas zu beweisen. Ich habe zu beweisen, dass die Spitze eines Berges, den Reinhold Messner vermutlich noch vor dem Frühstück im Handstand überqueren würde, auch ohne das von Mutter mit sorgenvoller Miene angepriesene Himalaja-Geschirr nebst Leuchtraketen und Fallschirm für den Ernstfall erreichbar ist. Erst recht über einen offiziellen Wanderweg.

Ein Bus trägt mich, von Inca kommend, zunächst in das beschauliche 750-Seelen Dorf Caimari am Fuße der Tramuntana, das unter kulinarisch Bewanderten für sein hochwertiges Olivenöl geschätzt wird. In einem winzigen Supermarkt fülle ich meinen Rucksack mit Proviant und begebe mich auf die Reise. Das Wetter zeigt sich an diesem frühsommerlichen Tag wohlwollend; Lawinen und Erdrutsche sind entsprechend keine zu erwarten.

Anfangs leitet ein leicht begehbarer, von Bäumen gesäumter Wanderpfad hinauf. „Ein Kinderspiel“, denke ich. Wenn es so weitergeht, würde ich das Ziel binnen kürzester Zeit erreicht haben. Mit sonnigem Gemüt marschiere ich bergan – allein, denn weit und breit ist niemand zu sehen. Es ist also möglich, selbst in einem touristischen Nahkampfgebiet wie Mallorca Oasen der Einsamkeit zu finden.

 Je mehr Höhenmeter ich überwinde, desto steiniger und karger zeigt sich die Landschaft. Die Baumkette lichtet sich vermehrt zugunsten einladender Panoramablicke über die Inselmitte mit ihren zahlreichen pittoresken Dörfern. Der Weg verliert sich allmählich im Gelände und kleine Steintürmchen weisen von jetzt an die Richtung auf holprigem und steiler werdendem Untergrund. 

Hier beginnen die Herausforderungen, denn im Angesicht der steinigen Gesamtszenerie sind solche Markierungen nicht immer leicht zu erkennen, weshalb ich ein ums andere Mal leicht vom Pfad abkomme. Zum Glück habe ich ja noch meine Wander-App, deren Routenplaner mir bis hierhin vertrauensvoll die Richtung gewiesen hat. 

Doch die Technik hat Grenzen. 

Nach einer Weile dirigiert sie mich auf Kollisionskurs mit einem Dickicht von Büschen, das sich auf mehreren Quadratmetern ausbreitet und zu einer Seite in besorgniserregendem Maße bergab fällt. Selbstbewusst lädt der Richtungspfeil zum mutigen Durchschreiten dieses Hindernisses ein.

Ganz geheuer ist mir die Sache jetzt nicht mehr und erste Zweifel beginnen meinen Verstand zu vernebeln. Er ist sich plötzlich gewiss, dass jemand wie ich im Grunde eigentlich nicht für dieses luftige Terrain geschaffen ist. Viel lieber, so lässt er mich wissen, möchte er nun in Gesellschaft eines Kaltgetränks auf der heimischen Terrasse der Sonne frönen.

In der Tat liegen die Grenzen meiner Komfortzone bereits einige Höhenmeter unter mir und ich habe Neuland betreten. Zeitgleich ist allerdings mein Entdeckergeist erwacht und drängt heroisch zum Aufbruch ins Unbekannte. Der Faszination des Abenteuers folgte ich schließlich schon immer gerne. Als Kind unternahm ich etwa den Versuch, mit selbst gebasteltem Windsurf-Equipment die Nordsee und die Herzen der Mädchen zu erobern. In der Garage meiner Großeltern montierte ich einen Besenstiel auf eine eigens dafür schnittig zurechtgestutzte Platte, hisste ein Bettlaken, stolzierte damit erhobenen Hauptes zum Strand, sattelte auf – und sank in Sekunden.

Konzentriert lasse ich jetzt den Blick schweifen und entdecke nach Momenten der Unsicherheit abseits meines Standortes die nächste Wegmarke und kurz darauf einen winzigen Trampelpfad, der sich entlang des Dickichts windet. Ich war also abermals vom Weg abgekommen, weil ich der Technik mehr Vertrauen schenkte als der eigenen Wahrnehmung. Zuversichtlich setze ich meinen Aufstieg fort, passiere Markierung um Markierung und strebe alsbald den letzten Metern Richtung Ziel entgegen.

Ein weiteres Steinmännchen lässt mich allerdings kurz darauf vor einem annähernd fünf Meter hohen, leicht schräg aufragenden Felsen zum Stehen kommen. Ihn zu umwandern scheint unmöglich, denn an seinen von weiteren, kleineren Brocken gesäumten Flanken geht es recht zügig bergab. 

„Das war’s“, meldet sich mein Verstand wieder ungefragt zu Wort. „Es kann doch nicht sein, dass ich da hoch muss. Das ist definitiv zu gefährlich!“ 

Ich hadere und mustere mein Handy, wo die Nadel des Routenplaners streng auf den vor mir befindlichen Fels deutet. Zwar hatte mich dieser bereits einige Male in die Irre geführt, die Umgebung lässt allerdings keine wirklichen Alternativen erkennen.

Mein Blick gleitet über das sich mir zu Füßen ausbreitende Tal und nimmt anschließend ein weiteres Mal analytisch das Gelände in Augenschein. Sollte ich wirklich da hochklettern müssen? 

Damit ich ja nicht auf dumme Gedanken komme, ruft mir mein ängstlicher Verstand sicherheitshalber all die Meldungen von geretteten Wanderern ins Gedächtnis, auf welche von Mutter im Angesicht meiner in ihren Augen lebensbedrohlichen Expedition mahnend verwiesen wurde. Er ist sich sicher, dass eine Umkehr die zuträglichste Option sei, schließlich hätte ich bis hierher ein tolles Naturerlebnis genossen und außerdem wollte ich noch etliche andere Dinge erledigen.

Ich blicke erneut auf das Display. Siegesgewiss weist der Zeiger noch immer auf meinen Endgegner, den es offensichtlich zu bezwingen gilt, möchte ich diesen Gipfel besteigen.

Entdeckergeist und Verstand liefern sich nun einen erbitterten Kampf. Es ähnelt der finalen Runde eines Boxkampfes, bei dem sich beide Kontrahenten einen offenen Schlagabtausch liefern. Der „Thrilla in Manila“ zwischen Ali und Frazier wird bei mir nun zwischen Verstand und Herz ausgefochten.

Meine Gedanken pendeln zwischen weißer Flagge und neugieriger Antizipation des Kommenden. So kurz vor dem Ziel aufzugeben, wäre eine herbe Enttäuschung, wenngleich niemand von dieser Schmach Kenntnis nehmen würde, denn seit dem Aufbruch bin ich nach wie vor keiner Menschenseele begegnet.

„Vielleicht sollte ich versuchen, ein kleines Stück den Fels empor zu steigen, um zu schauen, ob an dessen Spitze eine weitere Markierung zu erkennen ist. So wüsste ich zumindest, dass es der richtige Weg ist,“ rät plötzlich eine sanfte Stimme, die definitiv nicht meinem Verstand angehören kann. Der ist nämlich im Augenblick damit zugange, Szenen von Bergrettungen, die mir aus Filmen bekannt sind, aus dem Archiv meines Bewusstseins zu fischen und mit viel Sinn für Dramatik auf meine innere Leinwand zu projizieren.

Das ist durchaus fesselnd, aber der Entdecker hat jetzt einen schweren Treffer gelandet und ich beschließe, mich zaghaft ein Stück das mächtige Gestein empor zu tasten. An dessen Spitze lauert tatsächlich das letzte Steintürmchen vor dem Gipfel.

„Viel zu riskant“, ist sich mein Verstand gewiss. Der rechte Haken hat ihm zwar arg zugesetzt, aber so leicht lässt er sich nicht in den Ringstaub schicken. „Denk’ nicht mal dran. Dreh’ um!“ 

Erneut bleibe ich zögernd stehen und lausche der Stille. Lediglich ein paar Vögel und das sachte Rauschen des Windes sind zu vernehmen. 

„Soll ich jetzt wirklich so kurz vorm Ziel aufgeben? Schließlich ist es die offizielle Route“, meldet sich die sanfte Stimme erneut zu Wort. „Ich sollte es zumindest versuchen. Wenn ich merke, dass es tatsächlich zu riskant ist, kann ich umkehren.“ 

Nach Augenblicken des Zauderns schicke ich den Verstand mit einer weiteren Schlagkombination auf die Bretter und beschließe, es zu wagen. Vorsichtig taste ich mich weiter voran und realisiere plötzlich, dass umsichtige Menschen kleine Löcher in den Fels gemeißelt hatten, die als Steiggriffe nutzbar sind. Sie waren mir zuvor im Angesicht meines Gedankenkarussels gar nicht aufgefallen.

 „Gar nicht so schlimm“, stelle ich erleichtert fest und ehe ich mich’s versehe, ist das unüberwindbar wirkende Hindernis bezwungen und ich stehe auf der Spitze des ersten Berges, den ich in Gänze erklommen habe. Das Panorama ist prächtig. Zu meiner Linken sind schemenhaft die Ausläufer von Palma de Mallorca zu erahnen, zur rechten erstreckt sich das ungefähr 40 km einehmende Halbrund der Bucht von Alcúdia. Dazu gesellt sich nahezu völlige Stille. 

Ich genieße noch eine Weile die Aussicht, verspeise zufrieden die Reste meines Proviants und mache mich auf den Rückweg. Die ersten Meter hinab meistere ich teils auf Händen und Füßen, denn auch hier geht es zunächst mitunter recht steil zur Sache. Nach einer Weile erreiche ich jedoch erleichtert einen erdigen Pfad, der sich durch eine Baumlandschaft gen Tal windet. 

Mein zuvor noch recht zaghafter Schritt bekommt nun wieder seinen gewohnten Swing und mich überkommt das Hochgefühl des Triumphs. 

Gemeinsam mit anderen wäre diese Unternehmung vermutlich ein leichtes gewesen, schließlich fühlt man sich im Rudel immer stärker. Sich zu überwinden, wenn keiner hinsieht, scheint mir die wahre Kunst. Siegestrunken breche ich in den folgenden Tagen zu weiteren Bergtouren und höheren Gipfeln auf.

error: