Kunstgeschichte im Multimedia-Zeitalter

„Und? Was machst Du so (beruflich)?“ Zuletzt pflegte ich diese unvermeidliche Gesprächseröffnung mit dem Verweis auf die Arbeit an meiner Dissertation zu beantworten. Meistens zog das eine ebenso unvermeidliche Folgefrage nach sich: „Cool, worum geht’s?“, oft begleitet von einem Neugierde signalisierenden Anheben der Augenbrauen. 

 „Es geht um die Rhetorik der Landschaftsdarstellung im Hollywoodkino. Ich untersuche das am Beispiel von „Der mit dem Wolf tanzt“.“ 

Handelte es sich nicht um Kommilitonen oder Gleichgesinnte, war das Gespräch hier meistens wieder beendet. Mein Gegenüber hisste die weiße Flagge und versuchte den Dialog höflich in seichtere Gewässer zu lenken.

Entscheidet man sich, ein Fach wie Kunstgeschichte zu studieren, sind solche Situationen nicht ungewöhnlich. Als Medizinerin, Ingenieur, Juristin oder Psychologe hat man es sicherlich leichter. Die gesellschaftliche Relevanz ist schnell erkannt und die Feststellung, dass sich ein Gesprächspartner in diesen beruflichen Sphären bewegt wird zumeist mit anerkennenden Gesten goutiert. 

Aber Kunstgeschichte? Warum soll man sich mit so was beschäftigen? Gibt es keine dringlicheren Probleme in der Welt? Zugegeben, abgesehen von einem grundsätzlichen Interesse an Kunst stellte sich mir diese Frage nicht selten. Vieles schien zu abstrakt und häufig fehlte der Bezug zum „echten Leben”. Hinzu kommt, dass die Erkenntnisse, die dieser Fachbereich ans Licht bringt, in der Regel in eine sprachliche Form gepresst werden, die einem Laien (und nicht nur dem) zuweilen jegliches Verständnis und damit zugleich auch jegliches Interesse raubt, um sich näher damit zu befassen.

Erst als ich meine Begeisterung für das Kino mit dem Studium verknüpfte, wurde die Existenz eines solchen Bezugs etwas klarer und die Idee zu meiner Dissertation entstand aus einer recht banalen Feststellung: Ich war zu diesem Zeitpunkt noch nie in Amerika gewesen, bildete mir allerdings ein, genau zu wissen wie es dort aussieht. Ich war „überzeugt”, dass eine Stadt wie Chicago sehenswerter sei als Detroit und glaubte an die mythischen Freiheitsversprechen der einsamen Highways des amerikanischen Westens (das tue ich irgendwie immer noch). 

Woher kommen diese Vorstellungen? Vor allem aus den Medien. Aus Kino, TV, Internet usw.

Im heutigen Informationszeitalter werden wir auf verschiedensten Wegen mit Inhalten überschüttet. Sei es, dass ein Kontakt bei Instagram die Welt darüber in Kenntnis setzt, dass es Müsli zum Frühstück gegeben hat, oder die Nachrichten, dass die Amerikaner mal wieder irgendwo einmarschieren wollen und in China ein Sack Reis umgefallen ist. Binnen weniger Augenblicke sind wir in der Lage an mehr Informationen zu gelangen, als ein Mensch vor 100 Jahren möglicherweise in seinem gesamten Leben hat sammeln können. 

Visuelle Inhalte haben dabei eine große Bedeutung. Konnte man vor einigen Jahren bei Twitter lediglich mehr oder weniger Sinnvolles in 120 Zeichen pressen, ist es heute nahezu unerlässlich, seine „tweets” mit Bildern zu versehen, um im endlosen Strom des Infotainments überhaupt noch aufzufallen.

Das kommt nicht von ungefähr. Bilder besitzen eine enorme Wirkung. Sie brennen sich stärker ins Gedächtnis ein, als es das gesprochene Wort zu tun vermag. Sie sind in der Lage Emotionen hervorzurufen und sowohl einzeln, als auch in der Multiplikation unterschiedlicher Visualisierungen einer Sachlage Überzeugungen zu schaffen. Die Bewegtbilder des Kinos oder Fernsehens sind dahingehend besonders verführerisch, da die Beschaffenheit dieser Formate der lebensweltlichen Erfahrung des Menschen sehr nahekommt.

Wie sich dies auf unsere Wahrnehmung auswirken kann, beschreibt der Filmwissenschafter Martin Lefebvre treffend: “When I travel through that part of Navajo land that straddles Utah and Arizona known as Monument Valley, I (…) think of Hollywood Westerns, especially John Ford’s films. My own “framing“ of the land, the photos I take, are all “contaminated“ by my experience and memory of these films, of what that stretch of land has come to stand for symbolically. The cinema has thus dramatically transformed the experience that we have of that land (…).” (1)

Was hat all das jetzt mit Kunstgeschichte zu tun? 

Der Mensch hat natürlich nicht erst seit Kurzem begonnen sich in Bildern auszudrücken. Er tut dies schon sehr lange. Genau genommen seitdem er auf dieser Erde unterwegs ist. Im Laufe der Jahrhunderte hat er Techniken und Gestaltungsprinzipien entwickelt, die seinen bildlichen Darstellungen immer realistischere Züge verliehen haben. Bildproduzenten, die mit modernen Medien wie Film und Fotografie arbeiten, greifen diese Gestaltungsmuster teils bewusst, teils unbewusst auf und entwickeln sie durch die neuen technischen Möglichkeiten weiter. Bestimmte Motive, Symboliken und ästhetische Merkmale finden dabei immer wieder Verwendung und werden medienübergreifend neu inszeniert.

Die Konsequenz ist, dass wir, wie es Lefebvre beschreibt, gewisse Dinge scheinbar gar nicht mehr mit „eigenen Augen” sehen, sondern unser Blick durch die Vielzahl bereits existierender Abbilder einer Sache durchtränkt ist. Das Aufkommen sogenannter „Instagram-Hotspots” tut hierfür sein Übriges.


Bildquelle:  http://dumbonyc.com/blog/2016/02/09/dumbo-brooklyn-film-tv-locations/   Berühmt geworden durch eine Einstellung in Sergio Leones Gangster-Epos „Once upon a time in America” (1984, siehe oben), ist dieser Blick auf die Manhattan Bridge in Brooklyn heute eines der meist fotografierten Motive in New York und Beispiel dafür, wie bestimmte Darstellungsweisen eines Objektes über die Jahrzehnte hinweg immer wieder aufgegriffen werden und so den eigenen Blick „manipulieren” können.

Bildquelle: http://dumbonyc.com/blog/2016/02/09/dumbo-brooklyn-film-tv-locations/

Berühmt geworden durch eine Einstellung in Sergio Leones Gangster-Epos „Once upon a time in America” (1984, siehe oben), ist dieser Blick auf die Manhattan Bridge in Brooklyn heute eines der meist fotografierten Motive in New York und Beispiel dafür, wie bestimmte Darstellungsweisen eines Objektes über die Jahrzehnte hinweg immer wieder aufgegriffen werden und so den eigenen Blick „manipulieren” können.

Foto: Henry Weidemann

Foto: Henry Weidemann

Das ist grundsätzlich erst mal nichts Schlechtes. Als Konsument von (Bild-)Medien muss man allerdings der Tatsache gewahr sein, dass diese, abhängig vom Urheber und Kontext, zur gezielten Lenkung unserer Wahrnehmung genutzt werden. Handelt es sich um die Urlaubsfotos eines Freundes, mag das harmlos sein. Geht es um die mediale Darstellung geopolitischer Sachlagen wird es schon komplizierter.

Die Kunstgeschichte ist reich an Beispielen die zeigen, wie Bilder seit jeher zu unterschiedlichen Zwecken gebraucht wurden und wie die dahinterstehenden Intentionen gestalterisch umgesetzt worden sind. Als Beispiel sei auf die amerikanische Landschaftsmalerei des 19. Jh. verwiesen.

Zur Zeit der großen Westexpansion schlossen sich Maler und Illustratoren in Auftrag gegebenen Expeditionen an und kehrten mit teils spektakulären Ansichten der neu erschlossenen Gebiete nach Hause zurück. Nicht selten wurden dabei topografische Realitäten zugunsten einer romantischen Idealisierung der Szenerie ignoriert. Für die Gestaltung bediente man sich europäischer Vorbilder und transferierte deren Kompositionsprinzipien in einen amerikanischen, von der Idee des „Manifest Destiny” geleiteten Kontext.

Albert Bierstadt: Rocky Mountains, Lander’s Peak, 1863, Öl auf Leinwand, Maße: 186,7 cm x 306,7 cm, Metropolitan Museum of Art, New York City. Leider hat mein Smartphone sich dazu entschieden die Linien zu verzerren. Foto: Henry Weidemann

Albert Bierstadt: Rocky Mountains, Lander’s Peak, 1863, Öl auf Leinwand, Maße: 186,7 cm x 306,7 cm, Metropolitan Museum of Art, New York City. Leider hat mein Smartphone sich dazu entschieden die Linien zu verzerren. Foto: Henry Weidemann

Naturkulissen wie die Rocky Mountains oder die Regionen der heutigen Nationalparks Yosemite und Yellowstone lockten mit ihrer zuvor nie gesehenen Pracht als „Paradies” und „Promised Land”. Die Präsentation solcher Bilder muss in den Menschen an der Ostküste und in Europa unweigerlich die Sehnsucht geweckt haben, diese Territorien selbst zu erschließen und zu besiedeln. Der Ausgang der Geschichte ist bekannt, wenngleich man ihn natürlich nicht einzig solchen Darstellungen zuschreiben kann. 

Es zeigt allerdings, wie sich Bilder lange vor Anbruch des Multimedia-Zeitalters zum Zwecke der Kommunikation der Ideologien führender Eliten instrumentalisieren ließen und man schon damals in der Lage war, auf Grundlage einer künstlerisch erzeugten Illusion Überzeugungen zu generieren. Wie dies konkret im Detail umgesetzt worden ist, ist ein anderes Thema und würde an dieser Stelle zu weit führen.

Das kunsthistorische Wissen und das damit verbundene Verständnis solcher Entwicklungen gewinnt in Zeiten (audio-)visueller Dauerbeschallung eine immer größere Bedeutung und kann einen wichtigen Beitrag zur kritischen und reflektierten Auseinandersetzung mit den Wirkungsweisen und Beeinflussungspotenzialen medialer Darstellungen leisten. Die technischen Mittel mit denen in der heutigen Zeit Bilder produziert werden mögen mitunter neuartig sein, die Art und Weisen wie sie eingesetzt und gestaltet werden können sind es nicht immer. Sie sind lediglich raffinierter und komplexer geworden, was einen achtsamen Umgang mit ihnen umso notwendiger macht.