Amerika im Kopf

„Autobiography is one approach to the exploration of film’s power to affect our everyday lives“ (1), heißt es in einem Aufsatz von Christina Beal Kennedy. Dieser Ansatz ist mit meinem eigenen Werdegang vergleichbar, denn die (wissenschaftliche) Beschäftigung mit Filmen ist das Ergebnis einer seit Jugendtagen gepflegten Faszination für das Kino und Amerika.

Nachdem ich in den späten 90er Jahren an der Seite von Winnetou den Wilden Westen „erschlossen“ hatte (der in diesem Fall nicht der echte amerikanische Westen ist, sondern Landschaften in Kroatien und Jugoslawien, die als Stellvertreter dienen), machten mich TV-Serien wie MacGyver (1985-92) und Miami Vice (1984-90) mit dem urbanen Amerika vertraut. Eigentlich durfte ich nur selten fernsehen, der Reiz des Verbotenen trieb mich jedoch ständig ins heimische Wohnzimmer, wo ich mich, sobald sich die Familienoberhäupter zum Mittagsschlaf zurückgezogen hatten, ganz dicht vor dem Fernseher platzierte. Der Ausschaltknopf blieb immer in Reichweite, für den Fall, dass schlechter Schlaf, eine schwache Blase oder sonstige Unwägbarkeiten die Verwandtschaft vorzeitig aus den Gemächern zwang. 

Der Sog amerikanischer Popkultur erfasste mich und griff auch auf mein Leben abseits der Mattscheibe über, als die Ausläufer der Hip-Hop-, Gangsta-Rap- und Skaterkultur vorübergehend in meiner Schulklasse Station machten. Eminem, Snoop Dogg und Tony Hawk wurden Helden. Wer dazugehören wollte trug Hosen, bei denen jedes Bein die Dimensionen eines Schlafsacks besaß, kleidete sich in weiten Pullovern mit lässigen Logos und riskierte Knöchelfrakturen beim Einstudieren von Tricks mit dem Skateboard. Oft sammelten wir Inspiration (und Mut) beim gemeinschaftlichen Konsum von Skate-Videos, in denen die Stars der Szene in halsbrecherischen Manövern durch Parks und Straßenschluchten amerikanischer Großstädte jagten.

Vor Selbstbewusstsein strotzend griffen wir anschließend selbst unsere Bretter und traten vor die Haustür. Noch vernebelt durch die Impressionen von Los Angeles oder New York, professionellen Skateparks und noch professionelleren Skatern wurden wir dort allerdings von der tristen Realität der norddeutschen Provinz empfangen. Und ich von der tristen Realität meines eigenen Könnens. 

In Celluloid Skyline. New York and the Movies beleuchtet James Sanders die durch mediale Repräsentationen entstehende Transformation einer realen Stadt zu einem mythischen Ort von großer Anziehungskraft. „A mythic city embodies the idea of a city (…). An idea can travel, after all, as a city cannot - radiating across land and sea into the minds of millions around the world. Those who have never seen or visited the real place can nonetheless imagine it intensely (…).“ (2) 

Dieses Konzept ist durchaus auf ganze Nationen übertragbar und so bin auch ich dank der amerikanischen Omnipräsenz in Kino, TV und Alltagskultur in jungen Jahren dem von Sanders beschriebenen Zerrbild erlegen. Das Interesse an der Filmkultur anderer Länder vernachlässigte ich sträflich, sichtete zwar pflichtschuldigst Werke europäischer Filmemacher, nur um am Ende doch wieder den Sirenen Hollywoods zu erliegen.

Was mir folglich über Amerika selbst und seine Geschichte bekannt ist, habe ich vor allem im Kino „gelernt“. „Hollywood has been your best history teacher - because it is what you remember.“ (3), schreibt Mark Cronlund Anderson treffend. Der Grund ist schnell erfasst: Weil Filme unseren gesamten sensorischen Apparat adressieren, sehen und hören wir die Geschichten nicht nur, wir fühlen sie auch, werden emotional überwältigt. Und niemand beherrscht diese Kunst so gut wie die Amerikaner.

Ihr Hang zur Überwältigung des Publikums ist nicht nur im Kino zu bestaunen, sondern in vielen Bereichen des täglichen Lebens. Sei es die Inszenierung von Präsidentschaftswahlen, Sportereignissen wie dem Super Bowl oder Konzerten großer Bands; in dem surreal anmutenden Schauspiel visueller und akustischer Reize, die einem Entgegenschlagen wenn man, vorzugsweise bei Nacht, mitten auf dem Times Square steht; in den imposanten Blicken, die Aussichtsplattformen wie der Grand Canyon Skywalk oder das One World Observatory gewähren; und im Umfang mancher Essensportion, deren Verzehr eine anschließende Lebersanierung nahe legt.

Wie durchdrungen ich von all diesen Eindrücken bin und wie schwer sie auch für die scheinbar kritisch geschulte Wahrnehmung des Wissenschaftlers in mir zu überwinden sind, offenbarte meine erste Reise nach New York. Natürlich „kannte“ ich die Stadt bereits durch meinen beträchtlichen Filmkonsum. Dort begleitete ich Woody Allen und Diane Keaton auf ihrer Wanderung durch Manhattan, die früh morgens auf einer Parkbank am East River, im Schatten der Queensboro Bridge, ihr Ende fand (Manhattan, 1979). Ich saß mit Harry und Sally bei Katz’ Delicatessen (When Harry met Sally, 1989), bin in de Niros Taxi durch das Lichtermeer der nächtlichen Metropole gestreift (Taxi Driver, 1976), war mit Dustin Hoffman im Central Park joggen (Marathon Man, 1976) und lernte mit Charlie Sheen die Raffgier der Hochfinanz kennen (Wall Street, 1987).

An einem der ersten Tage der Reise verwechselte ich versehentlich die express train (hält nur an wenigen Stationen einer Route) mit der local train (hält an jeder Station) und fand mich plötzlich in Harlem wieder, jenem nördlichen Teil Manhattans, der aufgrund seiner einst hohen Kriminalitätsrate landesweit berüchtigt gewesen ist. Verwirrt entstieg ich der Bahn und machte auf der Stelle kehrt, als ich realisierte wo ich gelandet war. Zwar wusste ich, dass man heute längst nicht mehr als Anwärter auf die Tapferkeitsmedaille gilt, wenn man in diese Gegend kommt, schoben sich mir unwillkürlich all die Klischees wie ein Schleier vor das Bewusstsein, die mein Bild dieses Stadtteils noch immer zu beeinflussen scheinen.

Ich bin dann doch noch zweimal nach Harlem aufgebrochen, um diese vor allem in der Jugend aufgenommenen Vorstellungen mit Bildern der Realität zu überschreiben. In der Tat hat die allerorten um sich greifende Gentrifizierung dazu beigetragen, dass aus dem einstigen Ghetto längst ein Stadtteil im Aufbruch erwachsen ist. Touristen flanieren entlang der 125ten Straße, die Mieten steigen. Lediglich im nördlichen Teil, unweit des Rucker Park Basketball-Courts, wo schon Allen Iverson dribbelte, Kobe Bryant dunkte und Kevin Durant 66 Punkte erzielte, spürt man noch den sozialen Verfall, der früher das gesamte Viertel beherrscht hat. Mediale Repräsentationen und Realität wurden eins beim Anblick eines „Gangsta“ der dort mit wummerndem Ghettoblaster flanierte und mich an jene Tage erinnerte, an denen diese Einflüsse meinen „Dresscode“, Musikgeschmack und meine Stereotypen von Harlem bestimmt haben.

Befindet man sich selbst an Orten, die man zuvor nur virtuell bereist hat, verschwimmt reales mit fiktionalem. Ist die eigene Wahrnehmung wirklich noch die eigene oder betrachtet man heute alles nur noch durch einen Filter von Vorprägungen? Vermutlich beides. Immer wieder beobachtete ich mich dabei, wie ich versuchte die Lebenswelt auf Emotionen abzutasten, die mir zuvor durch mediale Abbilder derselben aufgedrängt worden sind. Das gelingt allerdings nur sporadisch, auch weil Filme Orte verdichten und durch geschicktes Set Design verändern. „Woody Allens“ Bank suchte ich vergeblich.

Visuelle Medien bestimmen heute in zunehmendem Maße unsere Wahrnehmung von Realität. Sie beeinflussen unsere Meinung zu geopolitischen Sachlagen, unseren Wunsch bestimmte Destinationen bereisen zu wollen und sie schüren unser Verlangen nach bestimmten Erfahrungen. Dass es wichtig ist, sich kritisch mit diesen Beeinflussungspotenzialen auseinanderzusetzen, wird einem vor allem dann bewusst, wenn man versucht, den eigenen Prägungen nachzuspüren. Es sollte einen jedoch nicht davon abhalten, sich trotzdem immer wieder der Magie des Kinos hinzugeben.

Die Idee zu diesem Text ist übrigens ebenfalls durch einen Film inspiriert. Mid90’s (2018) von Jonah Hill.


(1) Christina Beal Kennedy: Living with Film. An Autobiographical Approach, in: Chris Lukinbeal/Stefan Zimmermann (Hgg.): The Geography of Cinema - A Cinematic World, Stuttgart 2008, S. 187-204, S. 202.

(2) James Sanders: Celluloid Skyline. New York and the Movies, New York 2001, S. 15.

(3) Mark Cronlund Anderson: Cowboy Imperialism and Hollywood Film, New York 2007, S. 2.